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Witzkis Vision
Foto: Marco Stepniak

Witzkis Vision

Lesedauer: ca. 2 Min. | Text: Karoline Jankowski

Wie Rusty Reel und Witzki Visions im Vest die Zukunft der Arbeit zwischen Nebelmaschine, Hohlkehle und Metalriffs neu verhandeln.

Zwischen Kerzenleuchtern und antiken Spiegeln thront auf einem Stuhl eine Puppe, deren Blick eher „Exorzismus“ als „Deko“ sagt.
„Die hat Kami Zero aus seinem Fundus mitgebracht“, sagt Mirko Witzki und grinst. „Angeblich verflucht – aber sie hält still, also darf sie bleiben.“

Nebenan: Skalpelle, Behandlungsstuhl und OP-Lampe – Inventar aus einer aufgelösten Praxis, das hier ein zweites Leben als Horror-Bühne bekommen hat. Und im Aufenthalts- und Make-up-Raum sieht es aus, als hätte jemand Old Hollywood in eine Industriehalle kopiert.
Wir befinden uns in keinem Fiebertraum, sondern auf Ewald in den Rusty Reel Studios von Mirko Witzki, Matthias Bohm und Kai Brosda – einer Miethalle für Film- und Fotoproduktionen, gebaut wie ein Spielplatz für Menschen mit Kamera. Herzstück ist die 263 Quadratmeter große Hohlkehle – ein U-förmig gebauter, abgerundeter Raum, in dem Wand und Boden nahtlos ineinander übergehen.
„Oft sieht man in Videos, wo die Wand aufhört und der Boden anfängt“, sagt Mirko. „Immer ist irgendwo eine Kante im Bild. Wir wollten den Unendlichkeitsraum – keine Ränder, kein Fluchtpunkt, nur Space.“

All-in-One-Wunderland

Rusty Reel ist aber nicht nur Hülle, sondern System. Wer hier dreht, bekommt auf Wunsch nicht nur den Schlüssel, sondern gleich die passende Crew dazu. Mirko ist gleichzeitig Chef von Witzki Visions, seiner Videoproduktionsfirma, die Regie, Licht, Postproduktion und ein fein kuratiertes Netzwerk mitliefert – Models, Make-up, Pyrotechnik und Requisiten.

An seiner Seite: Kameramann und Regisseur Sebastian Pielnik.
„Bands müssen im Grunde nur ihren Song und eine grobe Idee mitbringen“, sagt er. „Den Rest planen, bauen und beleuchten wir.“
Beispiele gefällig? Mehnersmoos, Arch Enemy, Electric Callboy – sie alle standen schon vor der Linse. Dominum und Hämatom drehten dort – noch vor offizieller Eröffnung – ihr Weihnachtsvideo „We Wish You A Metal Christmas“: Tannengrün neben Totenschädeln, Innereien im Weckglas, Schneeflocken aus der Maschine. Ein Klischeemix zwischen Adventskranz und Apokalypse. Das Subtile ist hier keineswegs das bevorzugte Mittel.
Ab Januar werden die Türen dann feierlich und offiziell geöffnet.
Lohnt sich das in Zeiten von TikTok noch?
„Das große Video läuft auf YouTube, drumherum schneiden wir Clips fürs Handy“, sagt Sebastian. „Aus einem Drehtag entstehen Teaser, Snippets, Behind-the-Scenes – der ganze Kosmos zur Single.“
Für die Fans ist das Musikvideo nach wie vor der Moment, in dem Song, Bildwelt und Bandmythologie einmal sauber ineinander einrasten. Die Szene ist solide.
„Im Metal gibt’s auch sofort Gegenwind, wenn Fans das Gefühl haben, da sei KI im Spiel“, sagt Mirko. Ein paar generierte Szenen – und die Kommentarspalte brennt.
Genutzt wird KI trotzdem. Als Werkzeug.
„Die stumpfen Jobs dürfen gern Algorithmen übernehmen“, sagt Sebastian. „Sobald sie den Look und die Seele vom Video vorgeben, sind wir raus.“

So bekommt „Zukunft der Arbeit“ in dieser Halle eine sehr konkrete Form: Menschen, die mit KI arbeiten, aber nicht für sie. Musikvideos, die für YouTube gedacht sind und gleichzeitig für TikTok seziert werden. Ein Studio, das globalen Content produziert – und trotzdem tief im Vest steckt.

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